Ein Opfer des Staatsterrors berichtete

Da es für Jugendliche in Demokratien schwer ist, sich vorzustellen, was Leben in totalitären Diktaturen bedeutet, lädt das BORG 3 seit Jahren Menschen ein, die den Terror des Nationalsozialismus überlebt haben. Ein ehemaliger Häftling des KZ Buchenwald, Wilhelm Gugig, und einer des KZ Mauthausen, Leo Kuhn, fuhren mit uns auf Exkursion nach Mauthausen und stellten sich der Diskussion mit den SchülerInnen der 8. Klassen. Voriges Jahr hatten wir den Tod des einen Zeitzeugen, Herrn Wilhelm Gugig, der aus rassischen Gründen verfolgt wurde, zu betrauern, daher kam im Dezember 2002 Herr Kuhn erstmals alleine zum jährlichen Vortragstermin mit den vor der Matura stehenden SchülerInnen.

Der eindrucksvolle, über neunzig Jahre alte Herr zeigt mit seiner Geschichte von 1938-45 viele Facetten der Enthumanisierung und Brutalität im Nationalsozialismus. Leo Kuhn war als junger antifaschistischer Linker bereits in Opposition gegen den Austrofaschismus und versuchte nach dem „Anschluss“ gegen die nationalsozialistische Herrschaft zu kämpfen. Er versuchte in einer Untergrundgruppe gegen das NS-Regime zu agitieren und geriet schnell in die Hände des Terrorapparats von SS und Polizei. Der direkte Effekt der illegalen Oppositionsarbeit war gering, der Terror absolut. Aber konnten denkende Menschen angesichts des heraufziehenden Horrors ihre Arme untätig in den Schoß legen?

Im Berliner Volksgerichtshofprozess wurde Leo Kuhn wider Erwarten nicht zum Tod verurteilt, sondern in ein Gefängnis nach Österreich zurücküberstellt. Im Gefängnis Stein konnte ein Auslangen mit den ehemaligen österreichischen Beamten gefunden werden. Von dort wurde er in ein Arbeitslager geschafft, wo für die Rüstung gearbeitet werden musste.
In diesem Arbeitslager konnte Leo Kuhn wieder offensiver Widerstandsarbeit leisten, die von Zivilisten aus der Umgebung des Lagers unterstützt wurde. Diese Widerstandsgruppe konnte längere Zeit unentdeckt arbeiten und wurde erst Anfang 1945 von der Gestapo ausgehoben. Viele der langjährigen Häftlinge, aber auch viele Zivilisten wurden ins KZ Mauthausen verschleppt. Die eingelieferten Zivilisten, meist Bauern, hatten wenig Überlebenschancen, die „geübten“ Häftlinge hatten mehr Chancen.

Leo Kuhn wurde von anderen politischen Häftlingen erkannt und gesichert. Er wurde aus den gefährlichen Quarantänebaracken befreit, indem er mit der Identität eines Toten versehen in das Nebenlager Ebensee geschickt wurde. Dort wurde er als Arbeitssklave eingesetzt und brach drei Tage vor der Befreiung zusammen. Der abgemagerte geschwächte Mann hatte das Glück, im befreiten Lager von benachbarten Bauern aufgelesen und aufgepäppelt zu werden. Das Mitleid konnte im Terrorregime nicht völlig abgetötet werden.

Am Erlittenen hat Leo Kuhn lange Zeit schwer getragen, um dann ab den 1970er Jahren mit vielen anderen überlebenden Häftlingen Jugendlichen konkret zu veranschaulichen, was Terror und verbrecherische Diktatur ist, und warum unsere demokratische Republik trotz all ihrer Mängel ein verteidigenswertes Gut ist. Leo Kuhn ist der letzte Überlebende, der noch im Zeitzeugenprogramm des Unterrichtsministeriums arbeiten kann. Es wird immer deutlicher, dass wir nun selbständig dafür verantwortlich sind, die Tradition des Antifaschismus weiter zu führen. Wir sollten das eindrucksvolle Erbe von Willi Gugig und Leo Kuhn einlösen und weiter anwenden.

Bernhard Kuschey

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