7D URFAUST
Die 7D setzte sich in diesem Semester intensiv mit Goethes Faust-Stoff auseinander.
Ein Workshop mit Theaterpädagogen Matthias Suske vom Wiener Volkstheater brachte den SchülerInnen Motive, Themen und die Entstehungsgeschichte der Urfaust-Fassung näher. In Kleingruppen übten sich die SchülerInnen in der szenischen Darstellung wichtiger Schlüsselmomente des Stückes.
Im Anschluss standen ein Vorstellungsbesuch dieser herausragenden Produktion, bei dem wir mit Hauptdarstellerin Nanette Waidmann diskutieren durften sowie das Verfassen professioneller Kritiken (siehe unten).
Mag. Lisa Häring
Urfaust im Volkstheater
Ausbruch aus dem Faust-Käfig
Gretchen, Blut und Deep Purple in Enrico Lübbes mutiger Inszenierung.
Kritik von Helena Kohlmayr, 7D
Der Urfaust, Goethes nie aufgeführte Urversion, auf der der spätere Faust I basiert, ist eine sehr verkürzte Version, die sich vor allem auf die Gretchentragödie konzentriert. Enrico Lübbe kürzt diesen Stoff weiter drastisch und reduziert auch mit Hilfe des fantastischen Bühnenbildes auf das Wesentliche.
Als Essenz bleibt Gretchen (herausragend gespielt von Nanette Weidmann) und ihre Geschichte im Mittelpunkt, während der farblose Faust (Denis Petkovi?) und seine dunkle Seite, der aalglatte Mephisto (Günter Franzmeier),zu Nebenrollen degradiert werden.
Faust ist ein schüchterner Intellektueller, der nicht die Geister heraufbeschwört, sondern dessen Kopfkino eine Vielzahl nackter Frauen herbeifantasiert. Trotz ihrer Nacktheit und den High Heels wirken diese nicht als Opfer oder Sexobjekte, sondern selbstbewusst und stark. Sie verpassen Faust mit seinem ewig gleichen Anmachspruch ("Schönes Fräulein, darf ich es wagen…") eine schallende Abfuhr.
Bis auf das unschuldige und naive Gretchen, das sich verliebt. Mit Faust steigt sie ins Bett, mit Mephisto wacht sie auf. Mephisto tritt als Kuppler ganz plötzlich auf, es gibt keinen Teufelspakt, keinen Pudel und keinen Kern.
Nur Gretchen und ihre Verzweiflung, als die Handlung ihren Lauf nimmt. Vieles wird nur angedeutet. Lübbe zeigt keine romantischen Phantasien, wenn es um Liebe geht, geht es immer um Begehren, um Triebe und um Lust.
Die handelnden Personen wirken getrieben und doch ohnmächtig, über allem schwebt immer wieder die Klangwolke von DeepPurple.
Mit "Child in Time" werden dramatische Akzente gesetzt, das Schreien in der Rockballade setzt einen Gegenpol zu überlangen Pausen und Sprachlosigkeit,
ein dramaturgisches Mittel, das in dem knapp 60-minütigen Stück oft eingesetzt wird. Schweigen um den Schmerz auszudrücken, wo Worte zu viel Pathos verursachen würden, Schweigen, das weh tut.
Im Mittelpunkt des minimalistischen Bühnenbildes von Michaela Barth steht ein nach vorne und hinten offener Kubus, der sich dreht. Die Seitenwände des Kubus sind aus senkrechten Holzlatten gebaut, die mit einem halbtransparenten Material bespannt sind. Je nach Lichteffekt werfen die Holzlatten Schatten - wie Gitterstäbe eines Käfigs.AlleCharaktere sind auf ihre eigene Art und Weise darin gefangen: Gretchen in ihrer naiven Liebe zu Faust und später im Kerker, wo sie auf ihre Verurteilung wartet.
Faust in seiner Unfähigkeit Gretchen zu retten. Die Nachbarin ist gefangen in ihrem Begehren nach Nähe und Lust, Gretchens Bruder in den Moralvorstellungen der Gesellschaft, die Gretchen verurteilen und verstoßen. Selbst Mephisto ist gefangen im Körper von Faust, auch wenn das erst der Schluss zeigt: Faust erschießt sich selbst und damit strömt auch Mephistos Blut auf die Bühnenbretter.
Am Schluss dreht sich der Käfig wie zum Hohn ein letztes Mal zu "Child in Time".
Zurück bleibt die Erinnerung an einen Theaterabend der in seiner Intensität betroffen macht. Die Inszenierung bricht aus dem Käfig der Faustinszenierungen aus,
wer vor allzu viel Blut und Nacktheit zurückschreckt, sollte sich aber lieber an die klassischen Aufführungen halten.
Workshop-Impressionen