Österreich-Album 1945-1955

Beispiel aus dem Wahlpflichtfach Geschichte, 7. Klassen

Österreich-Album 1945-1955. Dialog zwischen den Generationen. Kern des Projektes ist das Gespräch. Ausgehend von einem authentischen Foto aus der Zeit zwischen 1945-1955 sollen Jugendliche einen Text verfassen.


Magdalena Moser, 7A: "Von zwei Familien"


Fritz und seine belgische "Mudda" in Brüssel 1947

Kurz nach dem Krieg kam mein Vater nach Belgien. Er war gerade mal fünf Jahre alt, hatte sein bisheriges Leben in Wien verbracht, einer Stadt, die bereits vor seiner Geburt unter dem Krieg zu leiden hatte und wurde nun mit dem „Kindertransport“ weggeschickt.
Nach einer langen und wahrlich mühsamen Fahrt stieg er mit hundert anderen Kindern aus einem Zug aus, stand mit einem, mit seinem Namen gekennzeichneten Schild um den Hals auf einem Bahnsteig in Brüssel und wartete darauf abgeholt zu werden.
Wildfremde Leute gingen herum und suchten sich die Kinder aus, die ihnen am besten gefielen. Es war wie „gustieren“ in einem Kaufhaus, nur dass es kein Kaufhaus, sondern ein Bahnsteig voller verängstigter und verwirrter Kinder war.
Mein Vater, einer der letzten, die ausgesucht wurden, kam zu einer Familie, die ihn am Ende so liebte, dass sie ihn sogar adoptieren wollte.
Es waren Fischhändler, die etwas außerhalb von Brüssel lebten und jeden Tag in die Stadt fuhren um dort ihre Ware zu verkaufen.
Er hatte es sehr gut und war ein Teil dieser Familie geworden.
Durch die Zeit, die er in Belgien lebte - es waren insgesamt mehr als drei oder vier Jahre - „vergaß“ er seine eigentliche Familie. Er besuchte in Belgien die Volkschule, sprach fließend Flämisch und verlernte immer mehr die deutsche Sprache.
Nach dieser Zeit jedoch zwangen meine Großeltern ihn wieder zurückzukommen - seine Familie wollte ihn wieder haben. Er wurde - wieder einmal - aus dem Leben herausgerissen, das er soeben begonnen hatte zu leben.
Ohne zu wissen oder zu verstehen weshalb, musste er seine über alles geliebte „Familie“ verlassen, um bereits das zweite Mal bei „fremden“ Leuten ein neues Leben zu beginnen.
Den Verlust, den dieses Kind, so wie hundert andere Kinder ertrug, musste es einfach hinnehmen.
Erneut war er „verstoßen worden“, wurde, wie eine Einkaufsware, „zurückgebracht“.
Meine Großeltern verschwiegen ihm die Briefe, die die belgische Familie „ihrem“ Kind schickte, um Kontakt zu halten. Sie unterschlugen sie einfach.
Mein Vater dachte bis vor einigen Jahren noch - bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine Großeltern starben und die Briefe beim Räumen der elterlichen Wohnung wieder ans Tageslicht kamen - dass „seine“ Familie ihn nicht geliebt habe.
Er konnte sich nicht erklären, warum er sie hatte verlassen müssen.
Natürlich ist die ganze Situation – das harte Leben nach dem Krieg, der Kampf um die Existenz, die massive Unterernährung der Kinder, die Kindertransporte und die damit verbundene Erleichterung des alltäglichen Lebens – verständlich. Nur - wie kann man es als Elternteil verantworten sein eigen Fleisch und Blut in ein fremdes Land, eine fremde Kultur, zu fremden Menschen zu schicken? Kann man verantworten abzuwarten, ob es ihm dort gut gehe oder ob es zu einer Familie kommt, die aus Tyrannen oder noch Schlimmerem besteht?
Man kann argumentieren. Man kann sich einreden, dass es anderswo, an einem nicht vom Krieg und Hass zerstörten, vollkommen zerrütteten Ort besser wäre und dass es nur auf Zeit sei, bis man das Umfeld wieder aufgebaut hat, das man seinem Kind bieten will.
Doch macht man es dadurch nicht noch schlimmer?
Zerstört man nicht den einzigen funktionierenden Teil des Lebens, der noch übriggeblieben ist? Die familiäre Gemeinschaft.Die Zusammengehörigkeit. Die Verbundenheit. Die Liebe, die man doch nach einer so schrecklichen Zeit, wie das österreichische Volk sie zu überstehen gezwungen war - sei es aus Fremdverschulden oder eigenem Zutun - am dringendsten braucht?
Der Familienzusammenhalt war für viele Österreicherinnen und Österreicher das Einzige, das ihnen in dieser schweren Zeit noch geblieben ist.
Es hätte auch anders gehen müssen. Für mich als Nachgeborene ist es kaum nachvollziehbar, dass Kinder aus ihrer Familie gerissen worden sind - nur zu dem Zweck "etwas auf die Rippen zu kriegen" - um dadurch die wirtschaftliche Situation in der eigenen Familie zu erleichtern.
Mein Vater jedenfalls sagt heute noch, dass das ein prägendes Ereignis in seinem Leben war, in dessen Verlauf er nicht eingreifen konnte. Der flämischen Familie gegenüber, die zu seiner richtigen Familie geworden war, fühlt er sich – obwohl von ihr getrennt – den Rest seines Lebens verpflichtet. Er hat das Gefühl sie im Stich gelassen zu haben.
Obwohl gut gemeint, war es –meiner Meinung nach - ein Fehler ein fünfjähriges Kind von seiner richtigen Familie zu trennen. Und es war erneut ein Fehler, ihn später aus seinem neuen Leben in Brüssel herauszureißen.

 

     
Ö-ALBUM