Magdalena
Moser, 7A: "Von zwei Familien"
Fritz
und seine belgische "Mudda" in Brüssel 1947
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Kurz
nach dem Krieg kam mein Vater nach Belgien. Er war gerade mal fünf
Jahre alt, hatte sein bisheriges Leben in Wien verbracht, einer
Stadt, die bereits vor seiner Geburt unter dem Krieg zu leiden hatte
und wurde nun mit dem „Kindertransport“ weggeschickt.
Nach einer langen und wahrlich mühsamen Fahrt stieg er mit
hundert anderen Kindern aus einem Zug aus, stand mit einem, mit
seinem Namen gekennzeichneten Schild um den Hals auf einem Bahnsteig
in Brüssel und wartete darauf abgeholt zu werden.
Wildfremde Leute gingen herum und suchten sich die Kinder aus, die
ihnen am besten gefielen. Es war wie „gustieren“ in
einem Kaufhaus, nur dass es kein Kaufhaus, sondern ein Bahnsteig
voller verängstigter und verwirrter Kinder war.
Mein Vater, einer der letzten, die ausgesucht wurden, kam zu einer
Familie, die ihn am Ende so liebte, dass sie ihn sogar adoptieren
wollte.
Es waren Fischhändler, die etwas außerhalb von Brüssel
lebten und jeden Tag in die Stadt fuhren um dort ihre Ware zu verkaufen.
Er hatte es sehr gut und war ein Teil dieser Familie geworden.
Durch die Zeit, die er in Belgien lebte - es waren insgesamt mehr
als drei oder vier Jahre - „vergaß“ er seine eigentliche
Familie. Er besuchte in Belgien die Volkschule, sprach fließend
Flämisch und verlernte immer mehr die deutsche Sprache.
Nach dieser Zeit jedoch zwangen meine Großeltern ihn wieder
zurückzukommen - seine Familie wollte ihn wieder haben. Er
wurde - wieder einmal - aus dem Leben herausgerissen, das er soeben
begonnen hatte zu leben.
Ohne zu wissen oder zu verstehen weshalb, musste er seine über
alles geliebte „Familie“ verlassen, um bereits das zweite
Mal bei „fremden“ Leuten ein neues Leben zu beginnen.
Den Verlust, den dieses Kind, so wie hundert andere Kinder ertrug,
musste es einfach hinnehmen.
Erneut war er „verstoßen worden“, wurde, wie eine
Einkaufsware, „zurückgebracht“.
Meine Großeltern verschwiegen ihm die Briefe, die die belgische
Familie „ihrem“ Kind schickte, um Kontakt zu halten.
Sie unterschlugen sie einfach.
Mein Vater dachte bis vor einigen Jahren noch - bis zu dem Zeitpunkt,
an dem meine Großeltern starben und die Briefe beim Räumen
der elterlichen Wohnung wieder ans Tageslicht kamen - dass „seine“
Familie ihn nicht geliebt habe.
Er konnte sich nicht erklären, warum er sie hatte verlassen
müssen.
Natürlich ist die ganze Situation – das harte Leben nach
dem Krieg, der Kampf um die Existenz, die massive Unterernährung
der Kinder, die Kindertransporte und die damit verbundene Erleichterung
des alltäglichen Lebens – verständlich. Nur - wie
kann man es als Elternteil verantworten sein eigen Fleisch und Blut
in ein fremdes Land, eine fremde Kultur, zu fremden Menschen zu
schicken? Kann man verantworten abzuwarten, ob es ihm dort gut gehe
oder ob es zu einer Familie kommt, die aus Tyrannen oder noch Schlimmerem
besteht?
Man kann argumentieren. Man kann sich einreden, dass es anderswo,
an einem nicht vom Krieg und Hass zerstörten, vollkommen zerrütteten
Ort besser wäre und dass es nur auf Zeit sei, bis man das Umfeld
wieder aufgebaut hat, das man seinem Kind bieten will.
Doch macht man es dadurch nicht noch schlimmer?
Zerstört man nicht den einzigen funktionierenden Teil des Lebens,
der noch übriggeblieben ist? Die familiäre Gemeinschaft.Die
Zusammengehörigkeit. Die Verbundenheit. Die Liebe, die man
doch nach einer so schrecklichen Zeit, wie das österreichische
Volk sie zu überstehen gezwungen war - sei es aus Fremdverschulden
oder eigenem Zutun - am dringendsten braucht?
Der Familienzusammenhalt war für viele Österreicherinnen
und Österreicher das Einzige, das ihnen in dieser schweren
Zeit noch geblieben ist.
Es hätte auch anders gehen müssen. Für mich als Nachgeborene
ist es kaum nachvollziehbar, dass Kinder aus ihrer Familie gerissen
worden sind - nur zu dem Zweck "etwas auf die Rippen zu kriegen"
- um dadurch die wirtschaftliche Situation in der eigenen Familie
zu erleichtern.
Mein Vater jedenfalls sagt heute noch, dass das ein prägendes
Ereignis in seinem Leben war, in dessen Verlauf er nicht eingreifen
konnte. Der flämischen Familie gegenüber, die zu seiner
richtigen Familie geworden war, fühlt er sich – obwohl
von ihr getrennt – den Rest seines Lebens verpflichtet. Er
hat das Gefühl sie im Stich gelassen zu haben.
Obwohl gut gemeint, war es –meiner Meinung nach - ein Fehler
ein fünfjähriges Kind von seiner richtigen Familie zu
trennen. Und es war erneut ein Fehler, ihn später aus seinem
neuen Leben in Brüssel herauszureißen.